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Aktuelle Forschungsergebnisse

Antisemitismus und Geflüchtete

In den Debatten um Antisemitismus geraten Geflüchtete aus mehrheitlich muslimischen Ländern immer wieder in den Fokus. Es gibt jedoch wenig empirisches Wissen zu den Einstellungen derer, die neu nach Deutschland gekommen sind. In einer Studie wurden Geflüchtete zu ihren Einstellungen zu Juden, dem Holocaust und Israel befragt. Aus den Ergebnissen ergeben sich Konsequenzen für die pädagogische Praxis in einer postmigrantischen Gesellschaft. Von Sina Arnold und Jana König

Seit dem Sommer 2015 sind mehr als eine Million Menschen als Geflüchtete nach Deutschland gekommen, die meisten von ihnen aus arabischen Ländern. Bereits nach kurzer Zeit gab es in Medien und Öffentlichkeit Debatten um mögliche judenfeindliche Einstellungen bei diesen Migranten/innen – die Rede war vom „arabischen“, „muslimischen“ oder „importierten“ Antisemitismus. Rechte Parteien und Bewegungen nahmen diese Vermutung gar zum Anlass, die konsequente Abschiebung von Menschen zu fordern, die etwa zu antisemitischem Hass aufrufen. Auffällig war, dass zum einen in diesem Zusammenhang der weitverbreitete Antisemitismus der herkunftsdeutschen Bevölkerung kaum angesprochen wurde und zum anderen nur wenig empirisches Wissen über die Einstellungen von Geflüchteten existierten.

Ergebnisse empirischer Studien

In einer qualitativen Studie interviewten wir 2016 Geflüchtete aus Syrien, dem Irak und Afghanistan. 25 Männer und Frauen zwischen 16 und 53 Jahren befragten wir zu ihren Einstellungen zu Juden, dem Holocaust und Israel. Ein großer Teil äußerte tatsächlich antijüdische Vorurteile und dachte etwa, dass Juden reich oder mächtig, besonders schlau oder unmoralisch seien oder weltweit Kriege zu verantworten hätten. Allerdings gab es in diesen Vorstellungen viele Widersprüche, die Bilder waren nicht sehr verfestigt. Für manche waren Juden/Jüdinnen auch einfach „Leute wie alle anderen“. Über den Holocaust existierte bei den Befragten nur wenig Wissen, es war fragmentarisch und teilweise historisch falsch. Nach ihrer Ankunft in Deutschland wurden die Geflüchteten jedoch mit diesem Ereignis konfrontiert, etwa in Form von Gesprächen oder Denkmälern im Stadtbild. Bei einigen führt dies zu einer aktiven Informationssuche und dem Wunsch, die Bedeutung dieses Ereignisses für die deutsche Gesellschaft zu verstehen. Israel standen fast alle Befragten sehr kritisch gegenüber. Während manche dabei lediglich die israelische Politik gegenüber den Palästinensern/innen kritisierten, übten andere eine Fundamentalkritik, bei der Israel pauschal als rassistisch, verantwortlich für globale Kriege oder als einflussreichster Staat der Welt beschrieben wurde. Mehrere Gesprächspartner/innen berichteten aber auch von Verschiebungen in ihrem Israelbild aufgrund konkreter Kriegserfahrungen etwa in Syrien.

Die Studienergebnisse decken sich mit anderen Befragungen von Geflüchteten und Multiplikatoren/innen in Deutschland, aber auch in Frankreich, Großbritannien oder Österreich. Deutlich macht die Forschung vor allem eins: „Den Geflüchteten“ mit einer homogenen „Herkunftskultur“ und Einstellung gibt es nicht. Die Diskurse in Syrien, dem Irak und Afghanistan sind sehr verschieden und speisen sich aus unterschiedlichen Quellen; darunter aus „Alltagswissen“ etwa in Gesprächen mit Freunden/innen oder Familie, aus dem Schulunterricht, den Medien, aber auch der Ideologie des arabischen Nationalismus, die den jüdischen Staat als Feindbild aufbaut, oder – in wenigen Fällen – auch religiösen Quellen. Diese Einflüsse werden unterschiedlich interpretiert, und sie verändern sich im Laufe von Fluchtprozess und in Deutschland. Gleichzeitig gibt es durchaus judenfeindliche Einstellungen, denen politisch wie pädagogisch begegnet werden muss.

Konsequenzen für die pädagogische und bildungspolitische Praxis

Denn während es für die Bekämpfung von Antisemitismus im öffentlichen Raum erst einmal nicht zentral ist, aus welchen Quellen sich Vorurteile speisen, ist es für die pädagogische Arbeit wichtig zu verstehen, was die unterschiedlichen „Wissensquellen“ sind – sei es etwa eine deutsche Erinnerungs- oder Schuldabwehr, nazistische Ideologie, arabischer Nationalismus, christlicher oder muslimischer Fundamentalismus. Bei der pädagogischen Arbeit mit Geflüchteten gibt es einige Gemeinsamkeiten, die sich weniger aus einer vermeintlich homogenen „Herkunftskultur“ ergeben, sondern vielmehr der speziellen rechtlichen und gesellschaftlichen Situation in Deutschland geschuldet sind.

So ist es etwa wichtig, den richtigen Zeitpunkt für pädagogische Arbeit abzupassen: Die Lebenssituation vieler Geflüchteter ist von rechtlicher Unsicherheit und Traumatisierungen geprägt, von Angst vor Abschiebungen und um die Zurückgelassenen. Eine psychische und soziale Stabilisierung steht hier an erster Stelle. Doch obwohl diese Situation eine große Sensibilität erfordert, sollte dies nicht in paternalistischen Tabuisierungen enden. Geflüchtete als politische Akteure ernst zu nehmen bedeutet auch, teilweise unbequeme Auseinandersetzungen zu suchen. Dass bei vielen Geflüchteten ein großes Interesse besteht, den deutschen Kontext zu verstehen, wurde in den Interviews immer wieder deutlich. Dieses Interesse sollte aufgegriffen und ernst genommen werden – durch Diskussionen, aber auch geeignete Hintergrundinformationen in den Bedarfssprachen. Diversität im Team mit entsprechenden sprachlich-kulturellen Kompetenzen ist dabei ein Vorteil, auch Geflüchtete selber sollten als Multiplikatoren/innen ausgebildet werden.

Der Herkunftskontext schließlich stellt auch ein Potenzial dar, kann hier doch auch an anti-antisemitisches Wissen angeknüpft werden: Erfahrungen eines alltäglichen, friedlichen Zusammenlebens von Juden und Nicht-Juden etwa, oder Wissen um die Verfolgung von Juden/Jüdinnen in der arabischen Welt. Auch ganz persönliche Erfahrungen, etwa von Ausgrenzung in Herkunfts- oder Transitländern, können eine Grundlage für Empathie gegenüber Juden/Jüdinnen bieten. Einem derartigen biographischen Ansatz muss es allerdings auch gelingen, sich kritisch auf kollektive Identitäten zu beziehen. In den Interviews deutete sich an, dass starke kollektive – etwa nationale, ethnische oder religiöse – Identitäten die stereotype Wahrnehmung anderer Menschen in ebensolchen Kategorien befördern und somit eine Grundlage für antisemitisches Denken sein können. Wird hingegen an hybriden Identitäten, die teilweise auch durch oft mehrjährige Migrationsgeschichten befördert wurden, angeknüpft, so hat dies nicht nur einen Effekt auf die Bildungsarbeit mit Geflüchteten: Es trägt auch zum Aufbau postmigrantischer Lernwelten bei, die wiederum den deutschen Kontext verändern werden. Denn wenn antisemitische Einstellungen unter Geflüchteten nicht als der „Antisemitismus der Anderen“, sondern als integraler Bestandteil der deutschen Gesellschaft betrachtet werden, dann müssen Lernprozesse notwendigerweise wechselseitig ablaufen. Als grundlegende Haltung ist es dafür notwendig, sowohl die Diskriminierungserfahrungen als auch Vorurteile aller Beteiligten ernst zu nehmen und nicht gegeneinander auszuspielen. Nur, wenn sowohl Antisemitismus als auch Rassismus als gesellschaftsstrukturierende Formen von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit anerkannt und analysiert werden, statt sie in ein Konkurrenzverhältnis zu setzen, können auch Konfliktlinien in von Diversität geprägten Gesellschaften bearbeitet werden.

 

 

Dr. Sina Arnold ist wissenschaftl. Mitarbeiterin am Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) der TU Berlin und Mitglied am Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) der HU Berlin.

Jana König lebt in Berlin, promoviert an der Ruhr Universität Bochum zur Geschichte der (west-)deutschen Linken und arbeitet außerdem zu Antisemitismus, Rassismus und (post)nationalen Identitäten.

Zum Weiterlesen

Sina Arnold/Jana König: Flucht und Antisemitismus. Erste Hinweise zu Erscheinungsformen von Antisemitismus bei Geflüchteten und mögliche Umgangsstrategien. Qualitative Befragung von Expert_innen und Geflüchteten. Expertise für den Unabhängigen Expertenkreis Antisemitismus des Deutschen Bundestages. Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung, 2016. PDF

Sina Arnold/Jana König: „Eine Millionen Antisemiten“? Einstellungen Geflüchteter zu Juden, dem Nahostkonflikt und dem Holocaust – Ergebnisse einer empirischen Studie. In: KIgA e.V. (Hg.): Discover Diversity. Politische Bildungsarbeit mit Geflüchteten. Berlin 2017, S. 54-59. PDF

Sina Arnold/Jana König: Antisemitismus im Kontext von Willkommens- und Ablehnungskultur: Einstellungen Geflüchteter zu Juden, Israel und dem Holocaust. In: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 26 (2017), S. 303-326.

David Feldman: Antisemitismus und Immigration im heutigen Westeuropa. Gibt es einen Zusammenhang? Ergebnisse und Empfehlungen einer Studie aus fünf Ländern. Hg. von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) und dem Pears Institute for the study of Antisemitism, University of London, 2018. PDF

Günther Jikeli: Einstellungen von Geflüchteten aus Syrien und dem Irak zu Integration, Identität, Juden und Shoah, Forschungsbericht Dezember 2017. Hg. vom American Jewish Committee Berlin Office. Berlin 2017. PDF

Esra Özyürek: Export-Import Theory and the Racialization of Anti-Semitism: Turkish- and Arab-Only Prevention Programs in Germany. In: Comparative Studies in Society and History 58,1 (2016), S. 40–65.

 

 

Bildnachweis: Dimitri Popov / unsplash.com

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