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Antisemitismus in der Einstellungsforschung

So antisemitisch ist Deutschland

Die empirische Vorurteilsforschung unterscheidet idealtypisch unterschiedliche Ausformungen des Antisemitismus, deren Verbreitung sie zu messen versucht. Hohe Zustimmungsraten verzeichnen heute insbesondere der sekundäre und der israelbezogene Antisemitismus.

Allgemeiner Forschungsstand

Aktuell gibt es in Deutschland zwei repräsentative Studien, die über einen längeren Zeitraum hinweg die Verbreitung und Entwicklung antisemitischer Einstellungen in der Bevölkerung untersuchen:

Zum einen die sogenannte FES-Mitte-Studie, die seit 2014 unter der Leitung von Andreas Zick am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld durchgeführt wird. Sie schließt methodisch und konzeptionell an die Langzeitstudie „Deutsche Zustände“ (2002-2011) des Soziologen Wilhelm Heitmeyer zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit an.1 Zum anderen die sogenannte Leipziger Mitte-Studie der Arbeitsgruppe um die Sozialwissenschaftler Elmar Brähler und Oliver Decker an der Universität Leipzig, die seit 2002 im Turnus von zwei Jahren die Verbreitung rechtsextremer Einstellungen in Deutschland erforscht und in diesem Zusammenhang auch das Phänomen Antisemitismus erfasst.2

Gewisse Formen des Antisemitismus sind in Deutschland weitgehend tabuisiert, an den Rand gedrängt und seit 1945 tendenziell rückläufig. Davon zeugen auch die Ergebnisse der empirischen Vorurteilsforschung, die die Zustimmungswerte zu klassischen Erscheinungsformen des Antisemitismus auf (konstant) niedrigem Niveau verorten. Gleichzeitig sind neuere Varianten des Antisemitismus wie der sekundäre oder der israelbezogene Antisemitismus nach wie vor weit verbreitet und erzielen hohe, zum Teil sogar steigende Zustimmungswerte, die jedoch auch Schwankungen unterliegen. Auslöser für steigende Messwerte sind häufig aktuelle politische bzw. gesellschaftliche Ereignisse und Debatten – etwa in Zusammenhang mit der Wirkungsgeschichte des Nationalsozialismus oder dem israelisch-palästinensischen Konflikt. Dies deutet darauf hin, dass antisemitische Denkmuster und Bilder in der Gesellschaft weiterhin stark verbreitet sind, selbst wenn sie nicht jederzeit offen zutage treten. Sie können jedoch bei Bedarf oder durch äußere Anreize mobilisiert werden. Dieser Zustand der Verborgenheit wird in der Sozialwissenschaft als Latenz bezeichnet.

Darüber hinaus lassen sich auf Basis der Erhebungen deutliche Zusammenhänge zwischen Antisemitismus, Homophobie, Rassismus, antimuslimischem Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus erkennen. Menschen, die antisemitische Vorurteile hegen, lehnen mit hoher Wahrscheinlichkeit auch andere Gruppen ab und neigen vermehrt zu rechten und autoritären Einstellungsmustern.3

Herausforderung bei der Erfassung des Antisemitismus: soziale Erwünschtheit

Die Sozialforschung steht bei der empirischen Analyse der gesellschaftlichen Verbreitung von Antisemitismus vor einigen Herausforderungen: Da wäre vor allem das Problem der sozialen Erwünschtheit. Vor dem Hintergrund des Holocaust wird Antisemitismus in der Öffentlichkeit der Bundesrepublik spätestens seit den 1950er-Jahren weitestgehend beschwiegen oder tabuisiert. Das bedeutet jedoch nicht, dass er nicht mehr existiert. Die Soziologen Werner Bergmann und Rainer Erb prägten für dieses Spannungsverhältnis zwischen offizieller Räson und dem Sprechen hinter vorgehaltener Hand den Begriff der „Kommunikationslatenz“. Das Konzept basiert auf der Annahme, dass in der deutschen Gesellschaft ein Nebeneinander von unterschiedlichen, teilweise gegensätzlichen Diskursfeldern existiert. Im öffentlichen Raum wird Antisemitismus konsequent sanktioniert. In der Bevölkerung sind antisemitische Einstellungen allerdings verbreitet und werden auch weitergegeben. Dies passiert allerdings nur in privaten bzw. ähnlich geschlossenen Kommunikationsräumen oder mithilfe argumentativer Umwege. Zu dieser „Umwegkommunikation“ gehören Chiffren, Sprachcodes und Anspielungen ebenso wie instrumentelle Bezugnahmen auf Israel oder den Nahostkonflikt. Gesagt wird etwas auf den ersten Blick nicht Verwerfliches oder scheinbar Rationales. Von denen, die mit den Codes oder Chiffren vertraut sind und sie zu entschlüsseln wissen, wird die Botschaft ‚richtig’ verstanden. Sie erkennen den eigentlich antisemitischen Kern der Botschaft.

In der Praxis der Einstellungsforschung führt das zu tendenziell niedrigeren Zustimmungsraten bei klassisch judenfeindlichen Aussagen und zu weitaus höheren bei subtileren Facetten des Antisemitismus. Wie wirkmächtig das Prinzip der sozialen Erwünschtheit ist, zeigte 2015 die mit 77 Prozent sehr hohe Zustimmung zur Aussage: „In Deutschland darf man nichts Schlechtes über Ausländer und Juden sagen, ohne gleich als Rassist beschimpft zu werden“.4 Allerdings kann die öffentliche Tabuisierung und konsequente Sanktionierung von Antisemitismus auch sinnvoll sein: „Solange Konsens in den politischen und kulturellen Eliten besteht, auch gegen ,die Stammtische‘ den Meinungsdruck aufrechtzuerhalten und sich antisemitischer Ressentiments politisch nicht zu bedienen, kann dies den Antisemitismus aus der öffentlichen Kommunikation weitgehend heraushalten und langfristig die Tradierung antijüdischer Stereotype abschwächen.“5

Darüber hinaus bleibt festzuhalten, dass nicht jede antisemitische Verlautbarung automatisch auf eine verfestigte antisemitische Überzeugung bzw. auf ein antisemitisches Weltbild schließen lässt. Uneindeutige wie auch widersprüchliche Haltungen können im Rahmen der zumeist quantitativ angelegten Forschungsdesigns oft nicht erfasst werden.

Sekundärer Antisemitismus

Der sekundäre Antisemitismus tritt vor allem in drei Varianten auf: Zum Ersten in Form einer Täter-Opfer-Umkehr, in der Jüdinnen und Juden beispielsweise vorgeworfen wird, die Erinnerung an den Holocaust zu ihrem Vorteil auszunutzen. Zum Zweiten in Form von Erinnerungsabwehr, indem etwa ein „Schlussstrich“ unter die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus gefordert wird. Oder zum Dritten in Form einer Relativierung oder gar Leugnung der nationalsozialistischen Verbrechen. Ein zentrales Leitmotiv des sekundären Antisemitismus ist das Bedürfnis nach einem ungestörten positiven Verhältnis zur individuellen (familiären) und kollektiven (nationalen) Identität. Das Gedenken an den Holocaust, die Auseinandersetzung mit aktuellem Antisemitismus wie auch jüdisches Leben nach 1945 stehen diesem Verlangen nach Widerspruchsfreiheit im Weg. Sekundärer Antisemitismus ist in Deutschland relativ weitverbreitet. Die Zustimmungsraten zu den einzelnen Items bewegen sich zwischen 25 und 55 Prozent.


Abbildung 1: FES -Mitte-2014 Nacherhebung


Abbildung 2: FES-Mitte-2014 Nacherhebung


Abbildung 3: FES-Mitte 2016

Israelbezogener Antisemitismus

Eine kritische Haltung gegenüber dem Staat Israel und seiner Politik ist nicht per se antisemitisch. Problematisch wird es dann, wenn:

  • doppelte Standards angewendet werden, indem an Israel andere Maßstäbe und Verhaltensansprüche angelegt bzw. gestellt werden, als an andere vergleichbare Staaten;
  • Symbole und Bilder des klassischen Antisemitismus dazu genutzt werden, Israel oder Israelis zu beschreiben;
  • die Politik Israels mit der des nationalsozialistischen Deutschland gleichgesetzt wird;
  • Juden kollektiv für Handlungen des Staates Israel verantwortlich gemacht werden.

Die empirische Sozialforschung reagiert auf die Herausforderungen der Abgrenzung zwischen legitimer Kritik an israelischer Politik und antisemitisch motivierten Bezugnahmen, indem Aussagen, die eine „neutrale“ Kritik an Israel beinhalteten, ebenso abgefragt werden wie jene, die in ihrem Kern antisemitische Stereotype enthalten. Zudem werden die Antworten in diesem Cluster mit denen zu anderen Erscheinungsformen des Antisemitismus abgeglichen. Die Schnittmengen aller Aussagen können zumindest als Indiz dafür gewertet werden, wie häufig sich „Kritik an Israel“ aus antisemitischen Motiven speist. So stimmen gut die Hälfte derjenigen, die Kritik an Israel zustimmen, mindestens einer Erscheinungsform von Antisemitismus außerhalb des israelbezogenen Antisemitismus zu.6


Abbildung 4: FES-Mitte 2016


Abbildung 5: FES-Mitte-2014 Nacherhebung


Abbildung 6: FES-Mitte 2016

Verschwörungsideologien

Verschwörungsideologien versprechen Halt und Sinnstiftung in einer komplexen und oft schwer durchschaubaren Welt. Sie liefern einfache Erklärungen, die widersprüchliche Wahrnehmungen zu einem konsistenten Weltbild umdeuten. Dies passiert vor allem im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Umbrüchen, in denen traditionelle Deutungsmuster nicht mehr zu greifen scheinen. Dabei wird unterstellt, im Hintergrund agierende Akteure setzten unter Einsatz von Täuschung oder Betrug einen umfassenden Plan zu ihren Gunsten um. Dieses stark vereinfachende dualistische Weltbild fußt auf der Idee des ewigen Kampfes zwischen dem ‚Guten‘ und dem ‚Bösen‘.

Menschen, die einer Verschwörungstheorie zustimmen, sind eher dazu bereit, auch an andere Verschwörungstheorien zu glauben, selbst wenn diese einander logisch ausschließen. Diese generelle Tendenz des Glaubens an Verschwörungstheorien wird daher als Verschwörungsmentalität bezeichnet. Sehr häufig begünstigt das Empfinden von Kontrollverlust(en) die Herausbildung von Verschwörungsmentalitäten, etwa aufgrund von Diskriminierungserfahrungen, drohender oder tatsächlicher ökonomischer Prekarität, sozialem Ausschluss und Marginalisierung. Aber auch Ereignisse wie terroristische Anschläge können das Gefühl auslösen, keine Kontrolle mehr zu haben, bzw. dieses fördern. Dagegen sagen weder Bildungsgrad noch Intelligenz etwas darüber aus, wie ausgeprägt die Verschwörungsmentalität von Menschen ist.

Verschwörungstheorien sind integraler Bestandteil klassischer antisemitischer Denkmuster, zum Beispiel in Form der Zuschreibung von Macht und Einfluss an Jüdinnen und Juden sowie dem Vorwurf, sie würden im Geheimen politische Kontrolle ausüben. „Die Juden“ sind in diesen verschwörungsideologischen Konstruktionen Drahtzieher/innen hinter bestimmten Ereignissen, Kontrolleure/innen des gesamten Finanzsystems oder gar Weltbeherrschende. Allerdings muss Verschwörungsdenken nicht zwangsläufig antisemitisch konnotiert sein.


Abbildung 7: FES -Mitte-Studie 2016


Abbildung 8: Leipziger-Mitte 2016

Soziodemografische Faktoren

Im Allgemeinen neigen Männer sowie ältere und weniger gut gebildete Menschen eher zu antisemitischen Einstellungen. Die Unterschiede sind insgesamt jedoch gering. Weitere soziodemografische Faktoren wie Einkommen, Beruf, Region oder wohnhaft in Ost- oder Westdeutschland spielen in dem Zusammenhang gar keine Rolle. Einzig die Schulbildung kann als relevanter Hinweis gelten: je höher der Bildungsgrad, desto geringer der Zuspruch zu antisemitischen Aussagen. Der israelbezogene Antisemitismus bildet hierbei eine Ausnahme: eine höhere Schulbildung zeigt hier keine positiven Effekte.

Anmerkungen

1 Siehe zuletzt: Andreas Zick/Beate Küpper/Daniela Krause: Gespaltene Mitte - Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2016. Hg. für die Friedrich-Ebert-Stiftung von Ralf Melzer. Berlin 2016. PDF

2 Zuletzt: Oliver Decker/Johannes Kiess/Elmar Brähler (Hg.): Die enthemmte Mitte. Autoritäre und rechtsextreme Einstellungen in Deutschland. Die Leipziger Mitte-Studie 2016. Gießen 2016.

3 Vgl. dazu auch Eva Groß/Andreas Zick/Daniela Krause: Von der Ungleichwertigkeit zur Ungleichheit: Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, 16/17 (2012), S. 11-18. Online/PDF Beate Küpper/Andreas Zick: Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. In: Dossier Rechtsextremismus. Hg. von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) 2015. Online

4 Beate Küpper/Andreas Zick/Daniela Krause: PEGIDA in den Köpfen – Wie rechtspopulistisch ist Deutschland? In: Andreas Zick/Beate Küpper/Ralf Melzer/Dietmar Molthagen (Hg.): Wut, Verachtung und Abwertung. Rechtspopulismus in Deutschland. Bonn 2015, S. 21-43, hier S. 38.

5 Werner Bergmann/Wilhelm Heitmeyer: Antisemitismus: Verliert die Vorurteilsrepression ihre Wirkung? In: Wilhelm Heitmeyer (Hg.): Deutsche Zustände. Folge 3. Frankfurt am Main 2004, S. 224-238.

6 Vgl. Unabhängiger Expertenkreis Antisemitismus: Antisemitismus in Deutschland – aktuelle Entwicklungen. Hg. vom Bundesministerium des Innern. Berlin 2017, S. 64. PDF

 

Zum Weiterlesen

Heiko Beyer: Zur Verbreitung des Antisemitismus in Deutschland: Empirische Forschungsbefunde und methodische Probleme. In: Dossier Antisemitismus, Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) 2017. Online

Oliver Decker/Johannes Kiess/Elmar Brähler (Hg.): Die enthemmte Mitte. Autoritäre und rechtsextreme Einstellungen in Deutschland. Die Leipziger Mitte-Studie 2016. Gießen 2016.

Wilhelm Heitmeyer (Hg.): Deutsch Zustände. Folge 1 – Folge 10. Frankfurt am Main 2002 – 2011.

Andreas Zick/Beate Küpper: Rechtsextreme und menschenfeindliche Einstellungen. In: Fabian Virchow/Martin Langebach/Alexander Häusler (Hg.): Handbuch Rechtsextremismus. Wiesbaden 2016, S. 83-113.

Andreas Zick/Beate Küpper/Daniela Krause: Gespaltene Mitte – Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2016. Hg. für die Friedrich-Ebert-Stiftung von Ralf Melzer. Bonn 2016. PDF

 

 

Bildnachweis: Wellington Rodrigues / unsplash.com

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