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Einfache Feindbilder in einer komplizierten Welt

Antisemitische Verschwörungsideologien

Jüdinnen und Juden werden seit jeher mit Macht und Einfluss in Verbindung gebracht. Dabei werden komplexe gesellschaftliche Verhältnisse auf das angeblich bewusste Wirken ‚der Juden‘ reduziert. Auch andere Verschwörungstheorien sind strukturell anschlussfähig für antisemitische Welterklärungsmodelle.

In einer komplexen, oft schwer durchschaubaren Welt verspricht der Glaube an Verschwörungen geistigen Halt und Sinnstiftung. In der Psychologie spricht man davon, dass der Glaube an Verschwörungstheorien Menschen hilft, subjektiv Kontrolle wiederzuerlangen, wo sie in ihrem „echten Leben“ dazu nicht in der Lage sind. Das kann im Einzelfall auf ganz unterschiedliche Umstände zurückzuführen sein wie zum Beispiel Arbeitslosigkeit, Angst vor Terroranschlägen oder Ähnliches.

Verschwörungstheorien liefern eine alternative Interpretation konkreter Phänomene oder Ereignisse, die (meist) im Widerspruch zu gängigen Erklärungen steht. Dabei folgen sie teils hochkomplizierten Denkmodellen. Oft fällt es schwer, sie durch reelle Einwände zu entkräften, da jeder Gegenbeweis selbst als Teil der vermeintlichen Verschwörung gedeutet werden kann. Sind solche Theorien Ausdruck eines größeren Deutungszusammenhangs und eines geschlossenen Weltbilds, dann lassen sie sich auch als Verschwörungsideologien bezeichnen.

Nicht jeder Verschwörungstheorie liegen antisemitische Motive zugrunde – man denke etwa an die zahlreichen Legenden um eine angebliche Inszenierung der Mondlandungen oder um die Ermordung des US-Präsidenten John F. Kennedy. Es hat sich aber gezeigt, dass Menschen, die eine bestimmte Verschwörungstheorie glauben, in der Regel dazu neigen, auch weiteren zuzustimmen. Man spricht dann von einer Verschwörungsmentalität. Auch nicht-antisemitische Verschwörungstheorien sind dabei strukturell anschlussfähig für antisemitische Welterklärungsmodelle. Beide eint die Vorstellung, eine kleine verschworene Gruppe würde insgeheim das Weltgeschehen lenken und zur Durchsetzung ihrer eigenen Interessen und Ziele bewusst die Schädigung der Allgemeinheit in Kauf nehmen.

Verschwörungsdenken als dualistisches Weltbild

In Zeiten persönlicher Verunsicherung, gesellschaftlicher Umbrüche oder Krisen, in denen traditionelle Deutungsmuster nicht mehr zu greifen scheinen, kann das Verschwörungsdenken dem Individuum Halt bieten. Rationale Betrachtungen politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen geraten dann in die Defensive, während Emotionalität und Affekthaftigkeit im politischen Denken mehr Raum greifen. Im Rückgriff auf dualistische Weltbilder stellt sich die Erzählung vom ewigen Kampf zwischen ‚dem Guten‘ und ‚dem Bösen‘ dar.

Viele Verschwörungstheorien beruhen auf der Vorstellung, im Geheimen agierende überlegene Mächte würden mittels weitreichender Manipulationen einen umfassenden Plan zur Errichtung oder Aufrechterhaltung ihrer Herrschaft verfolgen. Obwohl entsprechende Theorien oft höchst komplex sind, liefern sie doch im Kern ein einfaches Erklärungsmodell für unterschiedlichste Umstände und Problemlagen. Als eigentliche Ursache für gesellschaftliche Missstände und Konflikte, ob für Kriege, Krisen oder Krankheiten, werden lediglich einzelne Akteure oder Gruppen ausfindig und verantwortlich gemacht. Eine differenziertere Analyse und die kritische Auseinandersetzung mit strukturellen Bedingungen, vielschichtigen Interessenslagen und Machtverhältnissen, dynamischen Entwicklungen und komplizierten Aushandlungsprozessen treten dagegen in den Hintergrund.

Solch ein Verschwörungsdenken kann damit nicht nur bestehende Vorurteile und Ressentiments bestätigen. Es kann auch zur Legitimation von Gewalt dienen. Sind die hinter einer angeblichen Verschwörung stehenden Akteure mächtig und bedrohlich, wollen sie mir Schaden zufügen oder nach dem Leben trachten, dann erscheint Gewaltanwendung als ein legitimes Mittel der Gegenwehr. Wer sich derart verfolgt wähnt, kann also selbst zum Verfolger werden und dies als einen Akt der Selbstverteidigung rechtfertigen.

Die Erzählung von einer jüdischen Weltverschwörung

Jüdinnen und Juden werden seit jeher mit Macht und Einfluss assoziiert. Die Palette antisemitischer Zuschreibungen und Unterstellungen ist dabei höchst variabel. Historisch reichen solche Vorwürfe von „Christusmord“ und „jüdischen Brunnenvergiftungen“ im Mittelalter über vorgebliche Umsturzpläne und Revolution in der Neuzeit bis hin zur heimlichen Kontrolle von Medien und Finanzwelt. Das antisemitische Pamphlet „Die Protokolle der Weisen von Zion“, das den Mythos einer „jüdischen Weltherrschaft“ verbreitet, ist ein bis heute äußerst populärer Klassiker des internationalen Antisemitismus. Antisemitische Verschwörungsfantasien existieren also seit Langem, aber sie verändern sich auch je nach historischem und politischem Kontext.

Noch heute ist die Zuschreibung von weltumspannender Macht eines der zentralen Motive des Antisemitismus, das sich aufgrund gesellschaftlicher Tabuisierungen mitunter in unterschwelligen Chiffren und Codes verbirgt. Im Vorwurf der ‚jüdischen Macht‘ werden komplexe und verzahnte gesellschaftliche Prozesse auf das angeblich bewusste Wirken ‚der Juden‘ in ihrer Gesamtheit reduziert. Hierin besteht das Kernelement antisemitischer Verschwörungsideologien.

Solch ein falsches Verständnis der modernen Gesellschaft korrespondiert mit einem Charakteristikum des modernen Antisemitismus: Dem idealisierten Bild einer vermeintlich harmonischen, widerspruchsfreien und ursprünglichen Gemeinschaft wird die moderne Gesellschaft mit all ihren negativ erlebbaren Erscheinungen gegenübergestellt, für die ‚die Juden‘ verantwortlich gemacht werden.

Zum Weiterlesen

Amadeu Antonio Stiftung (Hg.): No World Order. Wie antisemitische Verschwörungsideologien die Welt verklären. Berlin 2015. PDF

Amadeu Antonio Stiftung (Hg.): Online-Übersicht „Begriffe, Trends und Dauerbrenner der Verschwörungsideologien“ Online

Wolfgang Benz: Die Protokolle der Weisen von Zion. Die Legende von der jüdischen Weltverschwörung. München 2007.

Tobias Jaecker: Antisemitische Verschwörungstheorien nach dem 11. September. Neue Varianten eines alten Deutungsmusters. Münster 2004.

Pia Lamberty: Don’t trust anyone: Verschwörungsdenken als Radikalisierungsbeschleuiniger? In: Journal EXIT-Deutschland. Zeitschrift für Deradikalisierung und demokratische Kultur 5 (2017), S. 80-91. PDF

Ernst Piper: ‚Die jüdische Weltverschwörung’. In: Julius H. Schoeps/Joachim Schör (Hg.): Antisemitismus. Vorurteile und Mythen. München 1995, S. 127-135.

Helmut Reinalter (Hg.): Verschwörungstheorien. Theorie – Geschichte – Wirkung. Innsbruck 2002.

Samuel Salzborn: Vom rechten Wahn. "Lügenpresse", "USrael", "Die da oben" und "Überfremdung". In: Mittelweg 36. Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung 6 (2016), S. 76-96.

Wolfgang Wippermann: Agenten des Bösen. Verschwörungstheorien von Luther bis heute. Berlin 2007.

 

 

Bildnachweis: Mallory Johndrow / unsplash.com

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