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Ist der Islam judenfeindlich?

Islamisierter Antisemitismus

Weder der Islam als Religion noch die islamische Welt sind originär judenfeindlich. Zwar nehmen antisemitische Sichtweisen und Stereotypen mitunter Formen eines religiös legitimierten Antisemitismus an. Dabei spielen jedoch häufig noch andere Faktoren eine Rolle.

Gibt es einen originär „muslimischen“ oder „islamischen“ Antisemitismus? Wer diese Bezeichnungen verwendet, meint damit in der Regel zunächst einmal Judenfeindlichkeit in muslimisch geprägten Ländern oder unter muslimischen Menschen mit türkischem oder arabischem Migrationshintergrund.

Es stellt sich dabei aber die Frage, ob sich diese aus eigenständigen Entwicklungen und spezifischen Quellen speist, die sich vom christlich-europäischen Antisemitismus maßgeblich unterscheiden. Viele Fachleute können hier keine völlig neue Form der Judenfeindschaft erkennen, sondern eher eine aktuelle oder aktualisierte Variante der alten.

Religiöse Bezugnahme bleibt instrumentell

Problematisch an den Begriffen „muslimischer“ und „islamischer Antisemitismus“ ist, dass sie einen direkten und ursächlichen Zusammenhang zwischen der Religion des Islam und antisemitischen Sichtweisen, Haltungen oder Weltanschauungen suggerieren. Der Islam jedoch ist grundsätzlich keine judenfeindliche Religion. Genau wie in der christlichen Bibel finden sich negative Aussagen über Jüdinnen und Juden zwar auch in den islamischen Überlieferungen (Koran und Hadithen). Entscheidend für deren Verständnis ist aber ihre Interpretation, also die theologische Haltung der Lesenden.

Entsprechende Passagen und Schilderungen können entweder rein literalistisch, also streng im wörtlichen Sinn gedeutet werden. Oder man betrachtet sie im Rahmen ihrer Entstehungsbedingungen und ihres jeweiligen historischen und politischen Kontextes. In den Heiligen Schriften kann fündig werden, wer in negativen Aussagen über Jüdinnen und Juden (oder andere Religionen) eine Bestätigung oder Legitimation für die eigene ablehnende Haltung sucht. Dies ist insbesondere in der politischen Ideologie des Islamismus zu beobachten, in der Antisemitismus ein zentrales Element darstellt. Islamistische Propaganda beruft sich gerne und häufig auf koranische Quellen, um den antisemitischen Feindbildern eine scheinbare Begründung zu geben, doch bleibt die religiöse Bezugnahme in der Regel sekundär und instrumentell. Demgegenüber begründen viele muslimische Gläubige ihre aufgeschlossene und tolerante Haltung gegenüber anderen monotheistischen Buchreligionen gerade auf der Grundlage ihres religiösen Selbstverständnisses.

Importierter Antisemitismus

Auch ein Blick in die wechselhafte Geschichte der islamischen Welt zeugt zunächst von relativer Toleranz gegenüber der jüdischen Minderheit. Zwar waren Juden als „Schutzbefohlene“ (dhimmis) früher diskriminierenden rechtlichen Bestimmungen, oft auch Ausgrenzung und gewaltsamer Verfolgung unterworfen, doch erreichten diese niemals die Ausmaße der christlichen Judenverfolgungen in Europa. Zu einem Import des Antisemitismus kommt es im Laufe des 19. Jahrhunderts, als sich unter dem Eindruck gesellschaftlicher Umbrüche und aufkommender Nationalismen (und später des Panarabismus) zunehmend sogenannte Ritualmordbeschuldigungen und Verschwörungsideologien verbreiten. Eine massive Popularisierung erfahren die dem europäischen Kontext entliehenen antisemitischen Narrative, Bilder und Stereotypen in muslimisch geprägten Ländern erst im 20. Jahrhundert, wo sie durch den aufziehenden Palästinakonflikt bald eine besondere Aufladung erhalten und insbesondere in arabischen Ländern bis heute geläufig sind. Noch in der Gegenwart ist der Nahostkonflikt ein willkommenes Objekt für antisemitische Projektionen und ein zentraler Katalysator für antisemitische Positionierungen, die durchaus immer wieder auch unter Rückgriff auf religiöse Quellen des Islam gerechtfertigt werden. Zumeist stehen hinter den religiösen Deutungen und Instrumentalisierungen jedoch politische oder andere Beweggründe, teils bloß propagandistische Interessen.

Religiosität oder Fragen von Anerkennung und Zugehörigkeit

Aktuelle Studien zeigen, dass in Deutschland und Europa antisemitische Bilder, Einstellungen und Haltungen in muslimisch geprägten Milieus vergleichsweise stark verbreitet sind. Eine dezidiert religiöse Begründung erfahren diese aber in den wenigsten Fällen. Nicht selten finden sich hier gängige Verschwörungsideologien über die vermeintliche Macht ‚der Juden‘, einen von ‚den Juden‘ initiierten Krieg des Westens gegen den Islam oder die Behauptung, es gäbe eine ewige Feindschaft zwischen Juden und Muslimen. Besonders häufig ist der israelbezogene Antisemitismus, der sich unter anderem in der Gleichsetzung nationalsozialistischer Verbrechen mit der heutigen Situation der Palästinenser/innen äußert.

Zwar nehmen antisemitische Sichtweisen und Stereotypen mitunter Formen eines religiös legitimierten Antisemitismus an, etwa wenn sie mit verzerrten und entkontextualisierten Interpretationen der koranischen Überlieferungen vermengt werden. Darüber hinaus treten sie aber in den unterschiedlichsten Erscheinungsformen und Bezugnahmen auf. Eine meist viel größere Rolle als die eigene Religiosität spielen dabei diverse kollektive Selbst- und Fremdzuschreibungen, nationale, ethnisch-kulturelle oder andere soziale Identitäten, Narrative und Deutungsmuster, oft auch Fragen von Anerkennung und Zugehörigkeit.

„Muslimischer“ Antisemitismus?

Die Begriffe „muslimischer“ und „islamischer“ Antisemitismus sind also insofern irreführend, als dass sie eine primär religiös begründete Judenfeindschaft nahelegen. Andere wesentliche Elemente des Antisemitismus, in denen ‚die Juden‘ für die negativen Folgen der Moderne verantwortlich gemacht, ihnen Verschwörungen und Machtstreben unterstellt oder an ihrem Feindbild die eigene Kollektividentität geformt wird, treten dahinter zurück. Ferner ist bedenklich, dass diese Begriffe im öffentlichen Diskurs zuweilen dazu genutzt werden, rundweg alle muslimischen Menschen als antisemitisch zu diffamieren, wie sich dies etwa im Rahmen rechtspopulistischer Agitation beobachten lässt.

Der Islamwissenschaftler Michael Kiefer schlägt deshalb vor, der Genauigkeit halber lieber von einem „islamistischen oder islamisierten Antisemitismus“ zu sprechen. Denn darin würde deutlicher zutage treten, ob man sich auf den ideologischen Kontext des radikalen Islamismus bezieht oder aber auf antisemitische Positionierungen, die durch religiöse Motive lediglich angereichert und aufgeladen werden.

Diese sprachliche Konkretisierung mag zu einer genaueren Begriffsbestimmung beitragen. Sie läuft jedoch dann ins Leere, wenn sie die kritisierten Verallgemeinerungen nicht aufhebt, sondern lediglich mit einem neuen Namen versieht. Nicht jede antisemitische Äußerung ist als islamistisch oder islamisiert zu kennzeichnen, nur weil sie von einer Person kommt, die sich selbst als muslimisch versteht oder von anderen als muslimisch markiert ist. Verschiedene Formen von Antisemitismus sollten dementsprechend auch mit unterschiedlichen Begriffen gekennzeichnet werden.

Zum Weiterlesen

Wolfgang Benz/Juliane Wetzel (Hg.): Antisemitismus und radikaler Islamismus. Essen 2007.

Mirjam Fischer: Antisemitismus bei Muslimen. In: Dossier Antisemitismus. Hg. von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) 2017. Online

Klaus Holz: Die Gegenwart des Antisemitismus. Islamische, demokratische und antizionistische Judenfeindschaft. Hamburg 2005.

Günther Jikeli: Antisemitismus und Diskriminierungswahrnehmungen junger Muslime in Europa. Ergebnisse einer Studie unter jungen muslimischen Männern. Essen 2012.

Michel Kiefer: Antisemitismus und Migration. Berlin 2017. PDF

Jochen Müller: Zwischen Berlin und Beirut – Antisemitismus bei Jugendlichen arabischer, türkischer und/oder muslimischer Herkunft. In: Der Bürger im Staat 4 (2013), S. 303-310. PDF

Götz Nordbruch: Antisemitismus als Gegenstand islamwissenschaftlicher und Nahost-bezogener Sozialforschung. In: Werner Bergmann/Mona Körte (Hg.): Antisemitismusforschung in den Wissenschaften. Berlin 2004, S. 241-269.

David Ranan: Muslimischer Antisemitismus. Eine Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden in Deutschland? Bonn 2018.

Anke Schu: Antisemitismus und Biographie. Fallstudien männlicher, muslimisch-migrantischer Jugendlicher in Deutschland als Basis kritischer Jugendarbeit. Weinheim 2016.

Juliane Wetzel: Moderner Antisemitismus unter Muslimen in Deutschland. Wiesbaden 2014.

 

 

Bildnachweis: Hasan Almasi / unsplash.com

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