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Aus der Geschichte für heute lernen

Historisch-politische Bildung zum Nationalsozialismus

Historisch-politische Bildung im Kontext der Auseinandersetzung mit Antisemitismus zielt auf eine kritische Beschäftigung mit Herrschaft, Ausgrenzung und Verfolgung im Nationalsozialismus ab. Neben der Vermittlung von Wissen über diese bedeutsame Geschichte kommen - je nach Perspektive - unterschiedliche Ziele hinzu. Ein wichtiger Ansatz besteht darin, über die historische Auseinandersetzung auch für menschenfeindliche Einstellungen und Weltbilder heute zu sensibilisieren.

„Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung.“ Mit diesem Imperativ leitet der Philosoph und Soziologe Theodor W. Adorno sein 1966 verfasstes Manuskript „Erziehung nach Auschwitz“ ein. Noch heute bildet diese Maxime ein wichtiges Kriterium für die kritische Auseinandersetzung mit Formen Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit im Allgemeinen und mit Antisemitismus im Besonderen. Einen entscheidenden Beitrag zur Aufklärung über rechtsextreme Einstellungen und menschenfeindliche Weltbilder leistet die historisch-politische Bildung zum Nationalsozialismus (NS). Die zu Grunde liegende Annahme ist hierbei, dass die Teilnehmenden über das Lernen von Fakten und über die Analyse der gesellschaftlichen Zusammenhänge hinaus auch für gegenwärtige Ideologien der Ungleichwertigkeit sensibilisiert werden können.

Lernen aus der Geschichte ...

Für die kritische Auseinandersetzung mit aktuellen Facetten der Judenfeindschaft kann auch historisch-politische Bildung einen sinnvollen Beitrag leisten, etwa in dem sie auf Kontinuitäten und Wandelbarkeit antisemitischer Stereotype und Feindbilder hinweist. Oft geht damit der Anspruch einher, dass Jugendliche nicht nur über die Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocaust lernen, sondern auch aus der Geschichte. In den Lern- und Reflexionsprozessen über die Ursachen und Folgen der NS-Verbrechen soll nicht nur Empathie für die Opfer und Überlebenden gefördert werden. Vielmehr sollen demokratische Werte und kritisches Denken vermittelt werden, um menschenverachtende Einstellungen entschieden zurückweisen zu können.

Ein weiterer Anknüpfungspunkt für historisch-politische Bildung liegt in der Kontinuität antisemitischen Denkens. Über die Analyse des Antisemitismus kann die Funktion der Judenfeindschaft für die NS-Herrschaft herausgearbeitet werden. Dies ermöglicht es, Unterschiede, aber auch Kontinuitäten antijüdischen Denkens zu thematisieren. Die Teilnehmenden erlangen somit nicht nur Wissen über einen bestimmten Abschnitt der Geschichte, sondern auch über gegenwärtige Differenzkonstruktionen, Einstellungen und die lange Kontinuität antisemitischer Ressentiments.

Weitere Anknüpfungspunkte zur Verbindung von historischem Lernen über den Nationalsozialismus und aktuellen Formen des Antisemitismus liegen in den gesellschaftlichen Erinnerungs- und Gedenkdiskursen begründet. Erinnerungsabwehr und Verharmlosung des NS-Regimes sind fester Bestandteil des sogenannten sekundären Antisemitismus, der nach dem Holocaust entstand. Dieser lässt sich nur mit einem qualifizierten Wissen über den Nationalsozialismus verstehen, und nur mit qualifiziertem Wissen kann man ihm kritisch begegnen. Erinnerungskonkurrenzen, Geschichtsrelativierungen und nationalistisch geprägte bzw. argumentierende Verharmlosungen des Nationalsozialismus können sich auch aus einem verkürzten Wissen um die deutsche Geschichte speisen. 

Gleiches gilt für die Thematisierung des Nahostkonflikts und die Auseinandersetzung mit antisemitischen Äußerungen in dessen Kontext. Ohne historisches Wissen lassen sich weder Konflikt noch problematische Bezugnahmen verstehen. Der Staat Israel entstand nach 1945 als Zufluchtsort für Überlebende der nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtung und als künftiger Schutzraum für Jüdinnen und Juden vor Antisemitismus. Geschichtliches Wissen um den NS und den Holocaust ist daher auch ein wichtiger Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit dem Nahostkonflikt und dem israelbezogenen Antisemitismus.

… und damit verbundene Herausforderungen

Historisch-politische Bildung zum Nationalsozialismus stellt Lehrende vor manche Herausforderungen. Sensibel und zielgruppengerecht soll sie die Teilnehmenden ‚da abholen, wo sie stehen’. Es bedarf daher einer guten Vorbereitung der Pädagogen/innen, die auch das verwendete Material einer kritischen Betrachtung unterziehen sollten. Die Beschäftigung mit Nationalsozialismus und Holocaust läuft sonst durch unausgesprochene Erwartungshaltungen der Lehrenden Gefahr, vorwiegend moralisch zu werden. Zweifelsohne kommt politische Bildung über den Nationalsozialismus und seiner Fortwirkungen nicht ohne einen klar ethisch-moralischen Standpunkt aus. Doch kann eine dezidiert moralisierende Erwartungshaltung gegenüber den Teilnehmenden Unverständnis und Desinteresse erzeugen oder eine Abwehrhaltung provozieren bzw. verstärken. Diese wiederum kann im schlimmsten Fall zu geschichtsrelativierenden Einstellungen bis hin zu Formen des sekundären Antisemitismus führen.

Die Themen Holocaust und Nationalsozialismus können die Teilnehmenden aufgrund der Inhalte emotional überwältigen. Besonders schockierend können Bilder aus Konzentrationslagern und von Massenmorden sein. Inwieweit Jugendliche mit solchen Bildern konfrontiert werden sollten, hängt sowohl von Fähigkeiten und Potenzialen der Teilnehmenden, als auch vom pädagogischen Konzept mit den dazugehörigen (Lern)-Materialien und dem Lernort ab. Pädagogen/innen sollten das Risiko der Überwältigung und den möglichen Empfindungen der Jugendlichen unbedingt im Hinterkopf behalten. Der Beutelsbacher Konsens spricht sich in seinen Grundsätzen der politischen Bildung zudem klar für ein Überwältigungsverbot aus.

Gleiches gilt auch für die Verwendung zeitgenössischer Quellen, besonders für NS-Propagandamaterial: Lehrende sollten die Gefahr von Reproduktionen antisemitischer und rassistischer Bilder und die Vorurteile des Lehrmaterials abwägen können. Die Auseinandersetzung mit NS-Propagandamaterial und nationalsozialistischer Ideologie bedarf einer dezidierten und kleinschrittigen Analyse und Dekonstruktion. Oberflächliche und unreflektierte Bearbeitungen sind nicht hilfreich, da im Extremfall Antisemitismus nicht kritisch bearbeitet, sondern durch den suggestiven Charakter von Propaganda erlernt werden könnte. Defizitär können außerdem reine Darstellungen von Jüdinnen und Juden als Opfer sein, die ihrerseits wiederum wirkmächtige Folgen haben können. Diese Reduktion schließt weder Überlebende noch Widerstandskämpfer/innen ein, die auch Teil jüdischer Erfahrungen im Nationalsozialismus waren. Auch hier finden sich im Extremfall wieder Anknüpfungspunkte für sekundär-antisemitische Einstellungen.

Schlussendlich muss die These kritisch hinterfragt werden, inwieweit ein kritisches Wissen um den Nationalsozialismus und den Holocaust wirklich dazu führt, dass aktuelle Formen ausgrenzenden Denkens abgelehnt werden. Die Erfahrung zeigt, dass etwa in Schulklassen durchaus Empathie und Mitgefühl für die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus bzw. für Zeitzeugen/innen gezeigt wird, während zeitgleich Ressentiments aus dem Repertoire des sekundären oder des israelbezogenen Antisemitismus zugestimmt wird. Für die gegenwärtige Auseinandersetzung mit Antisemitismus und anderen Phänomenen Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit reicht historisch-politische Bildung zum Nationalsozialismus allein also nicht aus. Sie ist vielmehr ein Baustein politischer Bildung und bleibt nach wie vor unerlässlich zur kritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte. Da die letzten Überlebenden der nationalsozialistischen Verbrechen bald nicht mehr von ihren Geschichten berichten können und angesichts neuer, medialer Lernangebote, steht die historisch-kritische Bildungsarbeit vor neuen und wichtigen Herausforderungen.

Was tun?

Pädagogen/innen sollten sich der verschiedenen Herusforderungen bewusst sein, sich davon aber auch nicht abschrecken lassen. Den Teilnehmenden angepasste didaktisch-methodische Zugänge versprechen gute Erfolgsaussichten.

Lange Zeit waren Gespräche mit Zeitzeugen/innen ein Rahmen, in dem sich Jugendliche mit der Thematik auseinandersetzten. Heute leben nur noch wenige Menschen, mit denen solche Begegnungen geführt werden können. Auch die persönlichen und/oder familiären Bezüge von Jugendlichen, mittlerweile in der vierten Generation nach dem NS, haben sich geändert. Die Themen Nationalsozialismus und Holocaust werden bei Jugendlichen häufig als dauerpräsent und/oder moralisch überladenen wahrgenommen, während es um konkretes Wissen zu dieser Zeit eher schlecht bestellt ist. Auch die gesellschaftlichen Diskurse über Erinnerung, Verantwortung und Aufarbeitung haben sich geändert. Um einen erfolgreichen Bildungsprozess zu gewährleisten sollten auch dies im Rahmen historisch-politischer Bildung berücksichtig werden.

Eine kritische Bearbeitung des Nationalsozialismus muss Verantwortung und gesellschaftliche Teilhabe im Blick haben, um den Jugendlichen ein breites Spektrum an Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Dies macht eine Beschäftigung mit Tätern/innen, Opfern und Zuschauern/innen des Nationalsozialismus notwendig.

Eine multiperspektivische Herangehensweise kann dabei helfen, vereinfachende und reduzierende Bilder von Jüdinnen und Juden zu vermeiden. Dies kann bedeuten, z.B. jüdischen Widerstand, Überleben im Untergrund oder auch die Flucht ins Exil zu thematisieren.

Antisemitisches und rassistisches Propagandamaterial muss nicht grundsätzlich vermieden werden, sollte aber sparsam eingebracht werden und in jedem Fall kontextualisiert, kleinschrittig analysiert und dekonstruiert werden.

Machen Sie sich mit ihrer Zielgruppe vertraut. Persönliche, familiäre Bezüge einzelner Jugendliche werden häufig nicht berücksichtig oder in den besonderen Fokus gestellt, ohne die individuellen und seelischen Auswirkungen richtig abzuschätzen.

Nutzen Sie die Gelegenheit, das Thema nah an der Lebenswelt der Teilnehmenden zu gestalten. Dabei können z.B. lokale Bezüge hergestellt werden, z.B. Museen, Gedenkorte etc. oder mit Biografien von Menschen gearbeitet werden, die im gleichem Ort oder Bezirk lebten.

Erweitern Sie den Blick: Aus der Geschichte lernen heißt auch, sich heutigen gesellschaftlichen Probleme zuzuwenden, die mit Blick auf die Geschichte des Nationalsozialismus thematisiert werden können. Aber Achtung: Falsche Analogien, wie eine Gleichsetzung heutiger Verbrechen gegen die Menschenrechte mit dem Holocaust, sollten vermieden werden. Relativierungen, verkürzte Vergleiche oder Erinnerungskonkurrenzen könnten die Folge sein.

Zum Weiterlesen

Sabine Achour/Thomas Gill (Hg.): Was politische Bildung alles sein kann. Einführung in die politische Bildung. Schwalbach/Ts. 2017.

Theodor W. Adorno: Erziehung nach Auschwitz. In: Ders.: Erziehung zur Mündigkeit. 13. Aufl. Frankfurt am Main 1991, S. 92-109.

Daniel Bernsen/Ulf Kerber (Hg.): Praxishandbuch Historisches Lernen und Medienbildung im digitalen Zeitalter. Opladen 2017.

Michaela Glaser/Stefanie Tausch: Historisch-politische Bildung. In: Glossar des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Online

Elke Gryglewski/Verena Haug/Gottfried Kößler/Thomas Lutz/Christa Schikorra (Hg.) Gedenkstättenpädagogik. Kontext, Theorie und Praxis der Bildungsarbeit zu NS-Verbrechen. Berlin 2015.

Matthias Heyl: „Vor allzu langer Zeit“. Herausforderungen für die historisch-politische Bildung zur Geschichte des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen im 21. Jahrhundert. In: Susanne Benzler (Hg.): Vor allzu langer Zeit? Die Praxis historisch-politischer Bildung zum Nationalsozialismus heute. Rehburg-Loccum 2011, S. 153-186.

Holocaust und historisches Lernen, Aus Politik und Zeitgeschichte 3-4 (2016). Online/PDF

Andreas Mischok (Hg.): „Schwierige Jugendliche gibt es nicht...! Historisch-politische Bildung für ALLE“. Projekte zur Auseinandersetzung mit dem Nationalsozia­lismus für besondere Zielgruppen. Braunschweig 2010.

Harald Roth (Hg.): Was hat der Holocaust mit mir zu tun? 37 Antworten. München 2014.

Patrick Siegele: Chancen und Grenzen historisch-politischer Bildungsarbeit in der Auseinandersetzung mit Antisemitismus. Potenziale der historisch-politischen Bildung. In: Der Bürger im Staat 4 (2013), S. 296-302. PDF

 

 

Bildnachweis: jock+scott / photocase.de

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