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Anerkennung durch Kennenlernen?

Begegnungsansätze

Es gibt diverse Strategien, um den unterschiedlichen Facetten des Antisemitismus zu begegnen. All diese Interventionen können spezifische Spannungsfelder und Herausforderungen hervorrufen, denen durch behutsames Vorgehen begegnet werden kann. Hier werden die Vorteile, Chancen und Problematiken von begegnungspädagogischen Ansätzen beleuchtet und mögliche Schwierigkeiten und Fallstricke aufgezeigt.

Gute Begegnungen?

Die dem Antisemitismus eigenen Chiffren, Bilder und Vorurteile sind in den kulturellen und kollektiv-nationalen Gedächtnissen tief verankert. Ihre Deutungsangebote sind seit der Antike permanent ergänzt, intensiviert und neu ins Leben gerufen worden und halten sich seither hartnäckig. Die große Spannweite antisemitischer Ressentiments und stereotyper Bilder von Jüdinnen und Juden sollte im Rahmen von politischer Bildung zum Gegenstand kritischer Auseinandersetzung gemacht werden. Dabei gilt es zugleich, jede Facette und Form dieser Zuschreibungen zu thematisieren und zu veranschaulichen, warum sie bloße soziale Konstruktionen sind.

Eine beliebte Form der pädagogischen Intervention gegen Antisemitismus ist die Begegnungspädagogik, die Teil der interkulturellen Pädagogik ist. Durch den „interkulturellen“ Kontakt und die Begegnung verschiedener Gruppen verspricht man sich Vorurteile abzubauen. Dem aktuellen Antisemitismus kann, so die Annahme, durch direkte Begegnung mit Jüdinnen und Juden oder mit  jüdischen Instituitonen etwas entgegengesetzt werden.

Der begegnungsorientierte Ansatz bietet viele Möglichkeiten des Austausches an. Museen, Bildungsstätten und insbesondere jüdische Schulen sind in den letzten Jahren vermehrt Hotspots zahlreicher jüdisch-nichtjüdischer Begegnungen geworden. Darüber hinaus werden sowohl für Jugendliche, Schüler/innen und Studierende, als auch für Lehrkräfte und Multiplikatoren/innen auch Austauschreisen nach Israel als eine willkommene und sinnvolle Ergänzung zu (historisch-) politischer Bildung betrachtet.

Begegnungsprojekte eignen sich ausgezeichnet zum Kennenlernen. Sie schaffen eine Plattform des Austausches, die offenbar zuvor nicht realisierbar erschien. Das wichtigste Ziel der Begegnungspädagogik besteht darin „Vorurteile und Stereotype abzubauen, indem ‚der Andere‘ – über den oft phantasiert wird, ohne dass er/sie real bekannt ist – in seiner spezifischen, aber auch allgemein menschlichen Natur erlebt wird“.1 Durch den persönlichen Kontakt kann eine an der Person bzw. an Gruppen gebundene Auseinandersetzung erfolgen, die verallgemeinernde Bilder von Jüdinnen und Juden entkräftet und irritiert. Eigene Vorurteile werden in diesem Dialogprozess hinterfragt, im besten Falle abgelegt. Des Weiteren können solche Lernprozesse motivieren, unbekannte Perspektiven wahrzunehmen, andere Menschen auf Augenhöhe kennenzulernen und sie im direkten Kontakt zu erleben, statt über sie auf einer abstrakten Ebene zu sprechen. Teilnehmende haben die Möglichkeit im Rahmen dieses pädagogischen Formats auf „‚richtige‘, ‚echte‘, ‚authentische‘ Jüdinnen und Juden zu treffen“2, zu denen man sonst kaum bis gar keinen Kontakt hatte. Hieraus können sich nicht nur Anerkennungsmomente, sondern auch Solidarisierungseffekte, zumindest aber ein ehrlicher Austausch ergeben, die womöglich in anderen Rahmen nicht stattgefunden hätten und für beide Gruppen bedeutend sind

Politische Bildung muss aber auch permanent reflektieren: Schaffen es Begegnungsprojekte wirklich, über Reflexionsmöglichkeiten bestehende Vorurteile zu hinterfragen, zu irritieren oder sogar selbstkritische Effekte zu erzeugen? Erweist sich dieser Ansatz als ausreichend, um aktuellen Formen des Antisemitismus zu begegnen oder muss er nicht vielmehr mit anderen pädagogischen Inhalten und Maßnahmen kombiniert werden?

Problematische Begegnungen?

Oftmals können Begegnungen und Austausche dieser Art aber auch Auswirkungen zur Folge haben, die den pädagogischen Zielen und Vorstellung der Pädagogen/innen zuwider verlaufen. Begegnungsprojekte bergen kalkulierbare aber auch nicht kalkulierbare Risiken, die bei einer Durchführung stets berücksichtigt werden sollten.

Ein grundsätzliches Dilemma der Begegnungspädagogik besteht aus der Grundannahme, durch reale Begegnungen mit Jüdinnen und Juden Antisemitismus bekämpfen zu können. Dieser Logik liegt die Vorstellung zu Grunde, dass Antisemitismus womöglich mit dem Verhalten von Jüdinnen und Juden zu tun hätte. Würde man sie treffen, könnte man antisemitische Vorurteile entkräften. Diese Prämisse beruht allerdings auf einem falschen Verständnis von Antisemitismus: „Werden Begegnungen als unvermittelte Antwort auf antisemitische Äußerungen initiiert und wird angenommen, dass der direkte Kontakt mit Juden Antisemitismus ‚beseitige‘, so handelt es sich um ein Vorgehen, das den grundsätzlichen Strukturen des Antisemitismus ‚aufsitzt‘.“3 Denn Antisemitismus hat mit ‚den Juden‘ und ihrem Verhalten nichts zu tun. Er gibt vielmehr Informationen über die Träger/innen des Ressentiments und über die Gesellschaften preis, in denen Judenfeindschaft seit Jahrtausenden besteht. Warum also potenzielle Opfer zum Gegenstand von Antisemitismus machen?

Ein weiteres Problem stellt die im Format enthaltene Asymmetrie dar, wenn nur Antisemitismus zum Thema gemacht wird. Die eindimensionale Rolle der Jüdinnen und Juden als bloße Opfer ist quasi vorprogrammiert und nichtjüdischen Menschen wird somit eine Täterposition zugeschrieben. Im pädagogischen Setting können solche statischen Rollenbilder hemmende Auswirkungen hervorrufen und die Dynamiken von Gegenseitigkeit unmöglich machen. Stattdessen sollte das Bewusstsein vorhanden sein, Jüdinnen und Juden als Individuen wahrzunehmen, die als Menschen, sehr unterschiedlich sind, verschiedene Lebensrealitäten und Interessen haben und natürlich, „wie alle anderen Menschen auch Verursacher von rassistischen Haltungen, Gedanken, Bildern oder Vorurteilen sein [können …], die ja eben in diesen Begegnungen von allen hinterfragt werden sollen“.4

Die Struktur des Begegnungsansatzes lässt zudem häufig keinen Austausch zu, der jenseits von Gruppen- und Differenzkonstruktionen stattfindet. Die Differenz droht hier das einende Glied zu werden und nicht die Gemeinsamkeiten der Teilnehmenden. Stereotypierenden und kulturalisierenden Zuschreibungen kann so kaum etwas entgegengesetzt werden. Angesichts dieser Umstände sollte Pädagogen/innen klar sein, dass der direkte Kontakt kein Garant für den Abbau von Vorurteilen ist. Weitere Aspekte wie unerwartete und wenig absehbare Gesprächsdynamiken, die herrschende Vorurteile befestigen, können grundsätzliche Strukturen des Antisemitismus im Zweifelsfall eher stärken. Dabei besteht die Gefahr, durch festgeschriebene Opfer- und Täterrollen – und womöglich auch Erinnerungskonkurrenzen – Stereotype und Klischees zu bestätigen und zu verfestigen. Indem Menschen Kategorien zugeordnet werden, wird ein Kulturbegriff befeuert, der vorhandene Vorurteile als „wahr“ und „echt“ aussehen lässt. Motivieren Begegnungsinterventionen nicht zu einer (selbst-) kritischen Auseinandersetzung mit Differenzierungen, Kategorisierungen und Zuschreibungen, sollten sie nicht als Interventionsform gegen Antisemitismus eingesetzt werden.

Zuletzt können Begegnungsprojekte an fehlender oder nicht fundierter Vor- und Nachbereitung seitens der Pädagogen/innen scheitern. Werden Gesprächsbereitschaft und -offenheit, Motivationen, inhaltliche Schwerpunkte, Selbst- und Fremdbilder sowie Befindlichkeiten und Bedürfnisse der Teilnehmenden nicht diskutiert und berücksichtigt, werden Projektziele schwer bis gar nicht erreicht. Im schlechtesten Fall ist die Begegnung so kontraproduktiv, dass Bilder über ‚die Juden‘ nur noch verstärkt werden.

Was tun?

Ein gelungener Ablauf von Begegnungsprojekten kommt nicht per Zufall – die wichtigste Grundlage stellt eine sorgfältig überlegte und gründliche Vorbereitung dar. Folgende Fragen müssen von Pädagogen/innen stets reflektiert werden: Wer wird sich gegenüberstehen und warum? Wie soll der Ablauf aussehen? Gibt es womöglich Loyalitätskonflikte, die vorher schon angesprochen und diskutiert werden müssen? Was möchte ich mit dieser Begegnung erreichen? Habe ich Wünsche, Fragen und Ideen der Teilnehmenden in den Ablaufplan integriert? Welche Schwierigkeiten könnten sich ergeben? Wie möchte ich damit umgehen?

Den Pädagogen/innen muss klar sein, dass eine Begegnung mit Jüdinnen und Juden als Interventionsmaßnahme nicht gelingen muss und dass solche Projekte keine Garantie für die Bekämpfung von Antisemitismus sind. Gleichzeitig eignen sie sich – bei einer sorgfältigen Vor- und Nachbereitung sowie einer gelungenen Prozessbegleitung – durchaus als pädagogischer Ansatz, stereotypisierende und kulturalisierende Zuschreibungen und ihrer Wirkmächtigkeit wahrzunehmen und zu hinterfragen.

Begegnungsprojekte leben von vorhandenen Bildern von und über Andere. Daher müssen in der Vorbereitung Selbst- und Fremdwahrnehmungen sowie Selbst- und Fremdzuschreibungen kritisch diskutiert werden.

Ohne Reflexion ist keine Begegnung möglich. Erfolgt keine selbstreflexive Auseinandersetzung mit allen Facetten der Begegnung, sowohl von den Teilnehmenden als auch von den Lehrenden oder Multiplikatoren/innen, läuft das Projekt Gefahr kulturalisierende Zuschreibungen zu verwenden und dadurch vorhandene Problematiken noch weiter zu verschärfen.

Es ist ein grundlegendes Anliegen solcher Dialogprojekte, statische Bilder zu hinterfragen und die Realität jenseits des Schwarz-Weiß-Denkens wahrzunehmen. Vor diesem Hintergrund empfiehlt es sich, Begegnungen als Ergänzung zu anderen Formen der Auseinandersetzung mit Antisemitismus durchzuführen, sie zum Beispiel in begleitende Bildungsprozesse etwa aus dem Bereich der historisch-politischen Bildung einzubauen.

Eine Einbettung in andere Bildungsprozesse hat zudem den Vorteil, dass das Kennenlernen von anderen Menschen, ihren Einsichten und Perspektiven nicht so künstlich im Fokus der Auseinandersetzung steht, wie es bei begegnungspädagogischen Ansätzen häufig der Fall ist. Die beschriebenen Fallstricke hinsichtlich vorherrschender Gruppenkonstruktionsprozesse im Rahmen der Begegnungen selbst, können in Teilen umgangen werden, wenn die Begegnungspädagogik quasi beiläufig stattfindet. 

Pädagogen/innen sollen nicht zuletzt die besondere deutsche Geschichte berücksichtigen: sensibler Umgang mit erinnerungs- und geschichtspolitischen Themen und den darin enthaltenen Schwierigkeiten ist geboten.

Die Nachbereitung ist ein wichtiger Baustein zum Erfolg solcher Projekte. Pädagogen/innen können sollten in Erwägung ziehen andere pädagogische Ansätze mit diesem zu kombinieren um mögliche Leerstellen zu füllen.

 

Anmerkungen

1 Monique Eckmann: Gegenmittel. Bildungsstrategien gegen Antisemitismus. In: Einsicht 08. Bulletin des Fritz Bauer Instituts (2012), S. 44-49, hier S. 48. PDF

2 Michal Kümper/Susanne Harms: Chancen und Grenzen von jüdisch-nichtjüdischen Begegnungen als pädagogischer Ansatz gegen Antisemitismus. In: Wolfram Stender/Guido Follert/Mihri Özdogan (Hg.): Konstellationen des Antisemitismus. Antisemitismusforschung und sozialpädagogische Praxis. Wiesbaden 2010, S. 265-286, hier S. 269.

3 Heike Radvan: Formen pädagogischer Intervention im Horizont wahrgenommener Antisemitismen. Perspektiven für die Aus- und Weiterbildung von Jugendpädagoginnen. In: Wolfram Stender/Guido Follert/Mihri Özdogan (Hg.): Konstellationen des Antisemitismus. Antisemitismusforschung und sozialpädagogische Praxis. Wiesbaden 2010, S. 165-183, hier S. 180.

4 Monique Eckmann (wie Anm. 1), S. 48.

 

Zum Weiterlesen

ConAct – Koordinierungszentrum Deutsch-Israelischer Jugendaustausch (Hg.): Moving Moments connecting for Life. Deutsch-Israelischer Jugendaustausch in Forschung und Praxis. Lutherstadt Wittenberg 2015. PDF

Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA e. V.) (Hg.): Israel, Palästina und der Nahostkonflikt. Ein Bildungs- und Begegnungsprojekt mit muslimischen Jugendlichen im Spannungsfeld von Anerkennung und Konfrontation. Berlin 2011.

Michal Kümper/Susanne Harms: Chancen und Grenzen von jüdisch-nichtjüdischen Begegnungen als pädagogischer Ansatz gegen Antisemitismus. In: Wolfram Stender/Guido Follert/Mihri Özdogan (Hg.): Konstellationen des Antisemitismus. Antisemitismusforschung und sozialpädagogische Praxis. Wiesbaden 2010, S. 265-286.

Multikulturelles Forum e. V. (Hg.): „Hallo! Schalom! Selam! Privjet! Gemeinsam gegen Vorurteile“. Ergebnisse und Handlungsempfehlungen. Lünen 2014. PDF

Heike Radvan: Pädagogisches Handeln und Antisemitismus. Eine empirische Studie zu Beobachtungs- und Interventionsformen in der offenen Jugendarbeit. Bad Heilbrunn 2010.

Verein für Demokratische Kultur in Berlin e.V. (VDK)/amira – Antisemitismus im Kontext von Migration und Rassismus: „Unsere Jugendlichen müssten mal Juden kennen lernen!“ Begegnungen mit Jüdinnen und Juden als pädagogischer Ansatz zum Abbau von Antisemitismus. Berlin 2010. PDF

Marina Chernivsky/Christiane Friedrich/Jana Scheuring (Hg.): Praxiswelten – Zwischenräume der Veränderung – Neue Wege zur Kompetenzerweiterung. Frankfurt am Main 2014. PDF

 

 

Bildnachweis: David-W- / photocase.de

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