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Personalisierung kapitalistischer Härten in der Figur ‚des Juden’

Ökonomiekritik und Antisemitismus

Statt die ökonomischen Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus zu verstehen, stellt antisemitisches Denken die Sphäre der Zirkulation verkürzend derjenigen der Produktion gegenüber. Die Härten kapitalistischer Ungleichheit werden ursächlich im „raffenden“ Finanzkapital verortet und als ‚jüdisch’ markiert.

Die gedankliche Verbindung von Juden mit Geld und Handel ist eine feste Komponente des modernen Antisemitismus. Im antisemitischen Weltbild gelten ‚die Juden’ in der Regel als geschäftstüchtig, geldgierig und geizig, als egoistisch und hintertrieben, als schmarotzend und ausbeuterisch. Auch andersherum funktioniert die Assoziationskette, wenn bestimmte wirtschaftliche Abläufe, Handlungen oder Strukturzusammenhänge ihrem Wesen nach als ‚jüdisch’ betrachtet werden. Entscheidend ist, dass hier eine Verknüpfung stattfindet, die negative Auswüchse oder Begleiterscheinungen - etwa soziale Ungleichheit, Finanzkrisen oder die Globalisierung des Welthabdels - der kapitalistischen Wirtschaftsweise mit dem Attribut des ‚Jüdischen’ markiert.

Als Ursache für die falsche Gleichsetzung werden oft historische Gründe angeführt. Da die jüdische Minderheit in Europa in der Vergangenheit durch Berufsverbote und andere Diskriminierungen teilweise in Geldgeschäft und Handel abgedrängt war, hätten sich bei Juden (und Antisemiten) bestimmte Sichtweisen und Verhaltensmuster festgesetzt. Derartige Argumentationen bleiben allerdings unzureichend, wenn sie das irrige Bild rationalisieren, also das antisemitische Vorurteil durch eine historische Begründung praktisch bestätigen.

Dem antisemitischen Denken liegt ein verkürztes Verständnis der kapitalistischen Ökonomie, ihrer Gesetzmäßigkeiten und Zwänge zugrunde. Negative Erscheinungen, Wirkungsmechanismen und Funktionsweisen der modernen kapitalistischen Gesellschaft werden in der Figur ‚des Juden’ personalisiert und scheinbar erklärt. Anstatt das Wirtschaftssystem in seiner Gesamtheit zu begreifen, wird ein künstlicher Gegensatz konstruiert zwischen den Sphären der Zirkulation und der Produktion, zwischen bloßem Geschäft und konkreter Arbeit. Dies zeigte sich schon in der Sprache der Nationalsozialisten, die das „raffende“ (jüdische) dem „schaffenden“ (deutschen) Kapital gegenübersetzten. Es zeigt sich auch heute etwa in der Sprache sozialer Bewegungen, die - wie zum Beispiel die „Occupy“-Bewegung - die heimelige „Main Street“ der kleinen Läden mit der bösen „Wall Street“ der Finanzmärkte kontrastiert.

Im Antisemitismus werden ‚die Juden’ der Zirkulationssphäre des Kapitals zugeordnet, die einseitig kritisiert und verdammt wird. Sie verkörpern das Geld, die Börse, das Finanzkapital, also jene zentralen Vermittlungsinstanzen des Kapitalismus, die nur abstrakt zu fassen, aber überall wirksam sind. Darin liegt auch der enge Zusammenhang von Verschwörungsideologien und Antisemitismus begründet. Denn, die antisemitische Fantasie schreibt den Juden weltumspannende Macht zu, die wie das Geld universal ist, also an keinen Staat und keinen Boden gebunden.

Moralisch aufgeladen repräsentiert die Zirkulationssphäre das Schlechte und Abstrakte im Kapitalismus, nämlich einen „heimatlosen“ Universalismus, einen Individualismus und Egoismus, in dem konkrete Arbeit scheinbar zu bloßem Gelderwerb verkommt. Dem „raffenden“ Finanzkapital wird so das idealisierte Gegenbild eines produktiven „schaffenden“ Kapitals gegenübergestellt. In diesem erscheint produktive Arbeit als anständig und ehrlich, als nicht allein dem individuellen Nutzen, sondern dem Gemeinwohl verpflichtet. Diese ideologische Formation wirkt identitätsstiftend, weil sie eine Gemeinschaft schafft, eine vorgeblich moralisch integre Wir-Gruppe. Hierbei ergibt sich eine hohe Anschlussfähigkeit an Gruppenkonstruktionen wie Volk und Nation. Aus antisemitischer Sicht wirken die zur Fremdgruppe erklärten Juden als Gegenprinzip bzw. Gegengruppe, das alles „Gegebene“ und vorgeblich „Authentische“ zu zersetzen droht.

Zum Weiterlesen

Avraham Barkai: Einundzwanzigstes Bild: „Der Kapitalist“. In: Julius H. Schoeps/Joachim Schlör (Hg.): Antisemitismus. Vorurteile und Mythen. München 1995, S. 265-272.

Wolfgang Benz: Das Bild vom mächtigen und reichen Juden. In: Ders.: Bilder vom Juden. Studien zum alltäglichen Antisemitismus. München 2001, S. 13-26.

Wolfgang Geiger: Christen, Juden und das Geld. Über die Permanenz eines Vorurteils und seine Wurzeln. In: Einsicht 04. Bulletin des Fritz Bauer Instituts (2010), S. 30-37. PDF

Johannes Heil/Bernd Wacker (Hg.): Shylock? Zinsverbot und Geldverleih in jüdischer und christlicher Tradition. München 1997.

Michael Heinrich: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung in „Das Kapital“ von Karl Marx. 10. Aufl. Stuttgart 2010.  

Max Horkheimer/Theodor W. Adorno: Elemente des Antisemitismus. In: Diess.: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt am Main 1988, S. 177-217.

Moishe Postone: Nationalsozialismus und Antisemitismus. Ein theoretischer Versuch. In: Dan Diner (Hg.): Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz. Frankfurt am Main 1988, S. 242-254. Online

Freddy Raphael: Sechstes Bild: „Der Wucherer“. In: Julius H. Schoeps/Joachim Schlör (Hg.): Antisemitismus. Vorurteile und Mythen. München 1995, S. 103-118.

Holger Schatz/Andrea Woeldike: Freiheit und Wahn deutscher Arbeit. Zur historischen Aktualität einer folgenreichen antisemitischen Projektion. Münster 2001.

 

 

Bildnachweis: Chris Li / unsplash.com

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