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Erfahrung der Betroffenen

Jüdische Perspektiven

Obwohl Antisemitismus in Deutschland weitverbreitet ist, wird er von der Mehrheitsgesellschaft selten als Problem wahrgenommen. Für jüdische Menschen stellt sich die Lage anders dar. Von subtilen Andeutungen bis zu offener Gewalt erfahren sie Antisemitismus sehr konkret und wünschen sich eine größere Sensibilität für das Thema.

Zahlreiche empirische Untersuchungen offenbaren, dass rund 15 bis zwanzig Prozent der Deutschen eindeutige antisemitische Einstellungen vertreten, während einzelne antisemitische Aussagen sogar noch mehr Zustimmung finden. Dabei sind sich die Experten/innen einig, dass nicht alle Formen von Antisemitismus darunter erfasst sind. Bezogen auf Erfahrungswerte von Betroffenen können antisemitische Tendenzen wesentlich höher eingeschätzt werden. Der alltägliche Antisemitismus schlägt sich auch in der Polizeilichen Kriminalstatistik nieder, die für das Jahr 2017 vorläufig 1453 antisemitische Straftaten verzeichnet. Dies entspricht durchschnittlich vier Straftaten pro Tag.1 Trotz dieser Befunde wird Antisemitismus in Teilen der deutschen Mehrheitsgesellschaft kaum als ein erhebliches Problem wahrgenommen. In einer repräsentativen Studie der Bertelsmann Stiftung von 2015 äußerten 77 Prozent der Befragten die Meinung, in Deutschland sei nur „eine geringe Zahl“ oder „kaum jemand“ gegen Juden eingestellt.2

Antisemitismuserfahrungen und subtile Formen von Antisemitismus

Repräsentative Umfragen unter in Deutschland lebenden Jüdinnen und Juden hingegen zeigen, dass die tatsächlich oder potentiell Betroffenen hier zu einer deutlich anderen Einschätzung kommen. Entsprechende Ergebnisse der quantitativen und qualitativen Forschung sind im Bericht des vom Deutschen Bundestag beauftragten Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus (UEA) zusammengeführt worden.3 Demnach hielten 61 bis 76 Prozent der jüdischen Befragten den Antisemitismus in Deutschland für ein großes oder sogar sehr großes Problem. Als erhebliche Problemfelder bewerteten sie insbesondere Antisemitismus im Internet und in sozialen Medien (87 Prozent), eine verzerrte Darstellung Israels in den Medien (84 Prozent), die Gleichsetzung israelischer Politik mit Nationalsozialismus und Holocaust (80 Prozent), antisemitische Äußerungen auf Demonstrationen (78 Prozent), antisemitische Kommentare in Diskussionen (74 Prozent), verbale Beleidigungen (69 Prozent) und weitere mehr.4

Der unterschiedlichen Beurteilung von Ausmaß und Relevanz des Phänomens Antisemitismus liegen verschiedene Faktoren zugrunde, die sich nicht zuletzt aus der Erfahrungswelt und dem Bewusstsein einer betroffenen Minderheit speisen. Viele Jüdinnen und Juden erleben Antisemitismus in ihrem Alltag oder sind dafür zumindest sensibilisiert, auch wenn die konkreten persönlichen Erfahrungen sehr unterschiedlich ausfallen können. Häufiger als in offenen Anfeindungen äußert sich Antisemitismus subtil, etwa in Form sprachlicher Chiffren und Codes, vermeintlich harmloser Sprüche, zweideutiger Anspielungen oder unterschwelliger Zuschreibungen. Wo jüdische Menschen von vielen nach wie vor als irgendwie ‚fremd‘‚ ,andersartig‘ oder ‚eigen‘ markiert werden, wird ihnen implizit die Zugehörigkeit zur deutschen Mehrheitsgesellschaft abgesprochen. Hiervon zeugt bereits die sprachliche Unterscheidung zwischen ‚den Deutschen‘ und ‚den Juden‘. Dasselbe gilt für die Tatsache, dass die kollektive Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus und an den Holocaust in Bezug auf die jüdischen Opfer oft zwischen ehrlicher Empathie, distanziertem Bemühen und offener, häufig relativierender Konkurrenz („Auch die Deutschen waren Opfer“) schwankt. Weit verbreitet ist überdies die Unterstellung, die Loyalität jüdischer Menschen gelte mehr dem Staat Israel als dem Land, in dem sie leben.

Antisemitismus, Rassismus und Gewalt

Qualitative Erhebungen unter Jüdinnen und Juden in Deutschland zeugen von einer starken Verbreitung solcher subtiler Formen des Antisemitismus. Für die eigene Selbstwahrnehmung und das Bewusstsein derjenigen, gegen die sich diese Fremdheitskonstruktionen richten, bleibt das nicht folgenlos. Hinzu kommt, dass antisemitische Vorbehalte häufig auch mit rassistischen Haltungen einhergehen können. Die jüdischen Gemeinden in Deutschland sind vielfältig und haben zahlreiche Mitglieder mit Migrationshintergrund, etwa aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion oder aus Israel, die auch rassistische Ausgrenzung und Diskriminierung erfahren. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass unter jüdischen Befragten 76 Prozent Rassismus als ein ebenso großes Problem in Deutschland sehen wie Antisemitismus.5

Bedrohlicher als in seinen subtilen Ausprägungen wirkt der Antisemitismus dort, wo er sich ganz offen oder sogar gewalttätig manifestiert, etwa in Form von Beleidigungen, Anfeindungen und Angriffen gegenüber jüdischen Personen oder Einrichtungen. In Umfragen gaben bis zu 61 Prozent der befragten Jüdinnen und Juden an, dass sie selbst oder Angehörige und Freunde innerhalb der letzten zwölf Monate antisemitische Andeutungen, Beleidigungen oder Belästigungen erlebt hätten. Ähnlich viele zeigten sich besorgt, sie oder ihnen nahestehende Personen könnten in nächster Zeit Opfer derartiger Vorfälle werden. 37 bis 45 Prozent befürchteten sogar körperliche Übergriffe.6 Darüber hinaus berichteten viele davon, dass sie ihren Alltag nach Sicherheitsaspekten ausrichten: durch Verschweigen der religiösen Zugehörigkeit, das absichtliche Verbergen jüdischer Symbole oder das Meiden bestimmter Orte.

Unterschiedliche Wahrnehmung und fehlendes Vertrauen

Die jüdischen Erfahrungen und Perspektiven veranschaulichen nicht nur eine Diskrepanz in der Wahrnehmung und Beurteilung von Antisemitismus als gesamtgesellschaftliches Problem. Sie weisen auch darauf hin, dass bloße Zahlen immer nur einen Teil der Wirklichkeit abbilden können. Wie sich der Antisemitismus auf den Alltag der davon Betroffenen auswirkt und was er für sie konkret bedeutet, bleibt größtenteils unsichtbar.

Gleichzeitig deuten die einschlägigen Studien auf die Dunkelziffer der statistischen Erfassung antisemitischer Vorkommnisse hin. Obwohl ein Großteil der Studienteilnehmenden persönliche Erfahrungen mit Antisemitismus gemacht hat und diese als äußerst belastend empfand, meldeten nur wenige von ihnen die Vorfälle bei der Polizei oder einer anderen Beschwerdestelle. Viele entschieden sich dafür, das Erlebte in ihrem persönlichen Umfeld aufzuarbeiten. Als Gründe dafür nannten sie unter anderem das Gefühl, dass eine Meldung ohnehin nichts geändert hätte, sowie fehlendes Vertrauen in die staatlichen Sicherheitsbehörden oder die Scheu vor dem bürokratischen Aufwand. Ein weiterer Hinderungsgrund ist die Furcht vor einer entwürdigenden Viktimisierung, in der die eigene Gewalterfahrung als ‚übersensibel‘ oder ‚störend‘ abgetan und zurückgewiesen wird.

Strategien für Empowerment und mehr Sensibilität

Um einer Marginalisierung der Opfer entgegenzuwirken und die Dunkelziffer antisemitischer Gewalttaten besser erfassen zu können, entwickeln einige jüdische und zivilgesellschaftliche Institutionen seit einigen Jahren eigene Empowerment- und Monitoring-Strategien. So hat etwa das Kompetenzzentrum für Prävention und Empowerment der ZWST eine eigene Interventions- und Beratungsstelle „OFEK“ für Opfer antisemitischer Gewalt eingerichtet, während verschiedene Registerstellen, wie die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) in Berlin sich darum bemühen, antisemitische Vorfälle - auch unter der Strafbarkeitsgrenze - weitreichend zu dokumentieren. Beiden Einrichtungen ist es ein wichtiges Anliegen, das Bewusstsein der nicht-jüdischen Mehrheitsgesellschaft für den aktuellen Antisemitismus zu verändern. Das Kompetenzzentrum der ZWST arbeitet beispielsweise seit vielen Jahren auch im Präventionsbereich und berät unter anderem Bildungseinrichtungen im Umgang mit antisemitischen Vorfällen.

Zur Beantwortung der Frage nach der Verbreitung von Antisemitismus in Deutschland sind Perspektiven von Jüdinnen und Juden unverzichtbar.7 Sie stellen eine wichtige Ergänzung zu empirischer Einstellungsforschung und Kriminalstatistiken dar und helfen mehr Sensibilität für das Thema in der deutschen Mehrheitsgesellschaft zu schaffen. Viele Jüdinnen und Juden äußern darüber hinaus den Wunsch nach bildungspolitischen Maßnahmen, etwa nach mehr Bildungsangeboten zum Thema Antisemitismus für die nichtjüdische Bevölkerung und in der Schule sowie eine verstärkte Auseinandersetzung mit aktuellen Formen der Judenfeindschaft.

Anmerkungen

1 Antwort der Bundesregierung auf Schriftliche Fragen zu antisemitischen Straftaten 2015, 2016 und 2017. Deutscher Bundestag, Drucksache 19/775 vom 15. Februar 2018. PDF

2 Steffen Hagemann/Roby Nathanson: Deutschland und Israel heute. Verbindende Vergangenheit, trennende Gegenwart? Gütersloh 2015, S. 38. PDF

3 Siehe Unabhängiger Expertenkreis Antisemitismus: Antisemitismus in Deutschland – aktuelle Entwicklungen. Hg. vom Bundesministerium des Innern. Berlin 2017, S. 91-115. PDF

4 Ebd., S. 102.

5 Ebd.

6 Ebd., S. 109f.

7 Vgl. Marina Chernivsky/Romina Wiegemann: Antisemitismus als individuelle Erfahrung und soziales Phänomen – Zwischen Bildung, Beratung und Empowermentin. In: Medaon. Magazin für jüdisches Leben in Forschung und Bildung, 11 (2017), 21, S. 1–8. PDF

 

Zum Weiterlesen

„Erfahrungsräume und Perspektiven der jüdischen Bevölkerung im Umgang mit Antisemitismus“. In: Unabhängiger Expertenkreis Antisemitismus: Antisemitismus in Deutschland – aktuelle Entwicklungen. Hg. vom Bundesministerium des Innern. Berlin 2017, S. 91-115. PDF

European Union Agency for Fundamental Rights (FRA): Diskriminierung und Hasskriminalität gegenüber Juden in den EU-Mitgliedstaaten. Erfahrungen und Wahrnehmungen im Zusammenhang mit Antisemitismus. Wien 2013. PDF

Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Berlin (RIAS): Antisemitische Vorfälle 2017. Hg. vom Verein für Demokratische Kultur in Berlin e.V. (VDK). Berlin 2018. PDF

Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V. (Hg.): Vom Sprechen und Schweigen über Antisemitismus. Berlin 2017. PDF

Andreas Zick/Andreas Hövermann/Silke Jensen/Julia Bernstein: Jüdische Perspektiven auf Antisemitismus in Deutschland. Ein Studienbericht für den Expertenrat Antisemitismus. Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung. Bielefeld 2017. PDF

 

 

Bildnachweis: prill / photocase.de

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