Was suchen Sie?

Nach oben buckeln, nach unten treten

Sozialpsychologische Erklärungsansätze

Judenfeindliche Einstellungen finden sich in sozialpsychologischer Deutung häufig als Ausprägungen der „autoritären Persönlichkeit“. Sie ist geprägt von Unterwürfigkeit gegenüber Autoritäten und Aggressivität gegen sozial schlechter Gestellte. Konformistisch sucht sie Anschluss an ein starkes „Wir“. Ängste und Schuldgefühle projiziert sie zum Beispiel auf ‚die Juden’, Konflikte trägt sie bevorzugt gewaltförmig aus. In modernen Gesellschaften kann man alle Menschen als grundsätzlich anfällig für autoritäres Denken betrachten.

Die Sozialpsychologie beschäftigt sich mit der Beschreibung und Erklärung menschlichen Verhaltens und der Wahrnehmung der Realität. Sie unterscheidet sich von den anderen Disziplinen der Psychologie dadurch, dass sie jenen Ausschnitt von Verhalten und Erleben untersucht, der sich auf die zwischenmenschliche Interaktion bezieht.

Antisemitismus und autoritäre Persönlichkeit

In der sozialpsychologischen Deutung von Judenfeindschaft wird besonders auf die Theorie der „antisemitischen Persönlichkeit“ zurückgegriffen. Diese entstand Ende der 1940er-Jahre an US-amerikanischen Universitäten im Rahmen eines interdisziplinären Großprojekts zur Untersuchung von Vorurteilen. Mehrere aus dem nationalsozialistischen Deutschland ins Exil geflohene Wissenschaftler/innen des Frankfurter Instituts für Sozialforschung wie Theodor W. Adorno und Max Horkheimer waren an ihm beteiligt. Sie gilt heute noch als ein wichtiger Beitrag zur „Kritischen Theorie“.

Diesem Ansatz gemäß geht Antisemitismus von einem bestimmten Typus Mensch aus, der durch seine Erziehung und andere Einflüsse für judenfeindliche Einstellungen besonders empfänglich ist. Diese antisemitische Persönlichkeit wird verstanden als eine Ausprägung der „autoritären Persönlichkeit“.

Sie zeichnet sich durch das Denken in konventionellen Strukturen, Vorurteilen und Projektionen aus. ‚Typische‘ Antisemiten/innen besäßen demnach eine Persönlichkeitsstruktur, die große Unterwürfigkeit gegenüber Autoritäten gleichzeitig mit ebenso großer Aggressivität gegen gesellschaftlich schlechter Gestellte verbindet: Nach oben buckeln und nach unten treten („Radfahrerprinzip“).

Psychologische und psychoanalytische Ansätze, die antisemitische Vorurteile in Verbindung mit autoritärem und konventionellem Denken, sexueller Verklemmtheit und der Projektion eigener unterdrückter Sehnsüchte bringen, spielen im sozialpsychologischen Zugang eine wichtige Rolle. So verbinde der autoritäre Charakter die Lust am Gehorchen in autoritären Strukturen mit der Rebellion und Aggression gegen vermeintlich Schwächere. Für beide Bedürfnisse stelle die jeweilige Kultur passende Ideologien bereit. Das konformistische Bedürfnis nach Identifikation mit den Autoritäten wird durch das Angebot eines starken „Wir“, durch die Zugehörigkeit zu einer ‚starken Nation’ bzw. zu einer starken politischen Bewegung befriedigt.

Die nicht integrierten, rebellischen Aggressionen, Angst- und Schuldgefühle werden im Gegenzug als scheinbar Fremdes nach außen auf ‚die Juden’ projiziert. Autoritäre Charaktere brauchen konkrete Schuldige, mit deren Hilfe sie verurteilen und verfolgen können, was in ihnen verdrängt werden muss. Konflikte werden daher bevorzugt durch physische Gewalt und nicht durch verbale Auseinandersetzung gelöst.

Ursprung der autoritären Persönlichkeit

Als Grund dafür, dass bestimmte Menschen für Antisemitismus anfällig seien, machten die Vertreter/innen der „Kritischen Theorie“ vor allem familiäre Einflüsse verantwortlich. Sie seien eine Folge autoritärer Erziehung mit einem hohen Grad von elterlicher Aggression gegenüber den Kindern. Wer eine solche Form der Erziehung durchlebe, bilde selbst eine autoritäre und auch antisemitische Persönlichkeitsstruktur aus.

Heutige Vertreter/innen der Theorie der antisemitischen Persönlichkeit betonen gegenüber ihren Kritikern/innen besonders die Rolle autoritärer Strukturen in der gesamten Gesellschaft für die Entstehung von Antisemitismus und weniger die der familiären Sozialisation. Im Laufe der Neuformulierung der Theorie wurde die Vorstellung revidiert, dass nur für einzelne Personen und bestimmte soziale Gruppen ein Hang zur Judenfeindschaft bestehe. Vielmehr seien in modernen Gesellschaften grundsätzlich alle Menschen anfällig für autoritäres und antisemitisches Denken.

Zum Weiterlesen

Theodor W. Adorno: Studien zum autoritären Charakter. Frankfurt am Main [1950] 1973.

Klaus Holz: Theorien des Antisemitismus. In: Wolfgang Benz (Hg.): Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart. Bd. 3. Berlin 2010, S. 316-328.

Max Horkheimer/Theodor W. Adorno: Elemente des Antisemitismus. In: Dies.: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente [1947]. Frankfurt am Main 1988, S. 177-217.

Tobias Jaecker: Politische Psychologie des Antisemitismus. In: hagalil.com, 28.11.2003. Online

Christoph Nonn: Antisemitismus. Darmstadt 2008.

Samuel Salzborn: Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne. Sozialwissenschaftliche Theorien im Vergleich. Frankfurt am Main 2010.

Samuel Salzborn: Zur politischen Psychologie des Antisemitismus. In: Journal für Psychologie. Jg. 18, Ausgabe 1 (2010). Online

Andreas Zick: Sozialpsychologische Diskriminierungsforschung. In: Albert Scherr/Aladin El-Mafaalani/Gökçen Yüksel (Hg.): Handbuch Diskriminierung. Wiesbaden 2017, S. 59-80.

 

 

Bildnachweis: Siarhai Plashchynski / unsplash.com

Haben Sie gefunden, was Sie suchten?

Anders Denken unterstützen

Politische Bildung ist nie umsonst. In der Regel jedoch sind unsere Angebote für Sie kostenlos – wie auch diese Onlineplattform. Um unsere Unabhängigkeit bewahren, die Qualität halten, das Angebot erweitern und langfristige Perspektiven entwickeln zu können, benötigen wir Unterstützung. Und freuen uns deshalb über jede Spende.
 
Gefördert von