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‚Die Juden‘ als Projektionsfläche des Verdrängten

Psychoanalytische Erklärungsansätze

Psychoanalytische Theorien untersuchen Antisemitismus als kulturelles Phänomen und verstehen ihn als psychische Reaktion von Individuen, Gruppen oder Kulturen auf gesellschaftliche Krisen und Konflikte. Antisemiten/innen spalten demnach eigene schlechte Eigenschaften, die sie sich und ihrer Gruppe nicht zubilligen wollen, ab und projizieren sie auf ‚die Juden‘, von denen sie sich verfolgt wähnen.

Die Psychoanalyse wurde von Sigmund Freud (1856 - 1939) begründet. Sie ist eine wissenschaftliche Theorie über das Unbewusste und die Psyche des Menschen sowie eine psychotherapeutische Behandlungsform. Ein weiterer Zweig der Psychoanalyse beschäftigt sich darüber hinaus mit der Untersuchung kultureller Phänomene.

Abspaltung und Projektion

Die psychologische Forschung hat früh verschiedene Erklärungsansätze für den Antisemitismus formuliert. Diese beziehen sich vor allem auf den psychischen Mechanismus der Projektion. Eigene psychische Ambivalenzen und widersprüchliche Eigenschaften werden dabei vom Individuum aufgespalten, die negativen Anteile ausgelagert und zu etwas Nicht-Eigenem, etwas Fremdem erklärt. Hierfür braucht es eine geeignete Projektionsfläche, welche als Sündenbock herhalten muss. Dieser wird kulturell oder sozial durch die dualistische Konstruktion: Eigen-Gruppe („wir“) gegen Fremd-Gruppe („die“) gebildet. Im Denken der Antisemiten/innen stehen ‚die Juden’ also für alle eigenen schlechten Eigenschaften (Gier, Neid, Wut etc.). Antisemiten/innen sind nicht in der Lage bzw. willens, diese Gefühlsregungen als Teil ihrer selbst zu erkennen, sondern projizieren diese stattdessen auf ‚die Juden‘, von denen sie sich als Resultat permanent verfolgt wähnen.

Im Anschluss an diesen Erklärungsansatz entwickelten sich sozialpsychologische Forschungsansätze, die Vorurteile im Rahmen von Gruppenkonstruktionen und -beziehungen analysieren. Im Unterschied dazu wurden im Rahmen der Psychoanalyse nicht nur klinische Untersuchungen durchgeführt, sondern auch Theorien entwickelt, die individual-, gruppen- und kulturtheoretische Argumentationen miteinander verbinden.

Kultur- und Klassentheorie

Das Fundament für die psychoanalytische Untersuchung des Antisemitismus legte Freud 1939 mit seiner Studie „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“. Die darin erhobenen Deutungen (Vatermord, Verdrängung, Projektion u.a.)  führen den Antisemitismus auf die Entwicklung und Differenz der monotheistischen Religionen in Verbindung mit spezifischen kulturhistorischen Aushandlungsprozessen zurück und werden bis heute rezipiert. Theorien, die sich auf diesen Ansatz beziehen, gehen dabei von der These eines religiös-kulturell verdrängten Schuldgefühls der Christen gegenüber Jüdinnen und Juden aus. Dieses Schuldgefühl wird aber nicht psychisch bearbeitet, sondern stattdessen ausgelagert und auf ‚die Juden‘ projiziert.  

Der Psychoanalytiker Otto Fenichel (1897 - 1946) rückte an die Stelle der Kulturtheorie von Freud eine Theorie der sozialen Klassen. Sowohl die Angst der Herrschenden als auch die Rebellion der Beherrschten bilden bei ihm die Grundlage für antisemitische Projektionen. Fenichel vertrat zudem die Auffassung, es könne streng genommen nur eine Psychoanalyse des Antisemiten, nicht aber eine des Antisemitismus geben. Auch wenn der Antisemitismus Züge einer (kollektiven) Psychose aufweist, wie der Psychoanalytiker Ernst Simmel (1882 - 1947) feststellen konnte, so wäre die Charakterisierung des/der einzelnen Antisemiten/in als psychisch krank dennoch falsch. Vielmehr gelänge es gerade durch den Antisemitismus, das subjektive Gefühl von Ohnmacht und Verfolgung zu kompensieren und somit nicht krank zu werden. Die Festlegung von Antisemitismus als Krankheit würde darüber hinaus die Täter/innen von ihrer Schuld freisprechen.

Die verschiedenen psychologischen und psychoanalytischen Theorien haben gemeinsam, dass sie den Antisemitismus als Reaktionsbildung auf psychische Krisen und Konflikte erklären. Sie sind kausal, da sie die antreibenden psychischen Kräfte deutlich machen, und sie sind funktional, insofern sie die Projektion auf den ‚jüdischen Sündenbock’ als Konfliktlösung oder -verschiebung deuten.

Zum Weiterlesen

Hermann Beland: Psychoanalytische Antisemitismustheorien im Vergleich. In Werner Bergmann/Mona Körte (Hg.): Antisemitismusforschung in den Wissenschaften. Berlin 2004, S. 187-218.

Wolfang Hegener (Hg.): Das unmögliche Erbe. Antisemitismus – Judentum – Psychoanalyse. Gießen 2006.

Klaus Holz: Theorien des Antisemitismus. In: Wolfgang Benz (Hg.): Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart. Bd. 3. Berlin 2010, S. 316-328.

Tobias Jaecker: Politische Psychologie des Antisemitismus. In: hagalil.com, 28.11.2003. Online

Rolf Pohl: Der antisemitische Wahn. Aktuelle Ansätze zur Psychoanalyse einer sozialen Pathologie. In: Wolfram Stender/Guido Follert/Mihri Özdogan (Hg.): Konstellationen des Antisemitismus. Antisemitismusforschung und sozialpädagogische Praxis. Wiesbaden 2010, S. 41-68. PDF

Samuel Salzborn: Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne. Sozialwissenschaftliche Theorien im Vergleich. Frankfurt am Main 2010.

Samuel Salzborn: Zur politischen Psychologie des Antisemitismus. In: Journal für Psychologie. Jg. 18, Ausgabe 1 (2010). Online

Ernst Simmel (Hg.): Antisemitismus. Frankfurt am Main 1993.

 

 

Bildnachweis: Marcela R / unsplash.com

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